Komplement?rmedizin PDF Drucken E-Mail

  Therapieform der Zukunft
  

komplement_krebs-teil1
 

Seit Jahren zeigen Umfragen immer wieder, dass sich Naturheilkunde und Komplementärmedizin in Deutschland ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Doch welche Möglichkeitenhaben Methoden aus diesem Bereich in einer Zeit knapper werdender Ressourcen, wie sieht deren aus Zukunft, in einem Zeitalter der Evidenz-basierten Medizin?

 

Betrachtet man die Art der Krankheiten im deutschen Sozialraum insgesamt, dann hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine recht deutliche Verschiebung gegeben. Während akute Infektionserkrankungen aufgrund des rasanten medizinischen Fortschritts viel von ihrem Schrecken verloren haben, nahm der Anteil chronischer Erkrankungen drastisch zu. So ist die überwiegende Mehrheit der über 65-jährigen chronisch krank, was zu einer Explosion der Gesundheitskosten führt. Allein in Deutschland müssen demnach ca. 80% aller Ausgaben im Gesundheitssystem für chronisch Erkrankte aufgewendet werden. Die medizinische Behandlung ist jedoch nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein therapeutisches Problem. Ein Teil der dauerhaft Kranken spricht nur vermindert auf Therapien an. In der Regel wird dann auf Medikamente mit anderen, potenteren Wirkmechanismen umgestellt, die allerdings häufig auch ein höheres Nebenwirkungsprofil aufweisen. Die langjährige medikamentöse Behandlung kann zu Nebenwirkungen führen. Gerade in dieser Situation sind die erweiterten Behandlungsmöglichkeiten der Naturheilkunde und Komplementärmedizin, wenn eine nachweisbare Wirksamkeit, das heißt wenn Evidenz vorliegt, von besonderer Bedeutung.

 

Die Naturheilkunde in Deutschland hat sich über viele Jahrzehnte als eine Erfahrungsmedizin verstanden, deren wissenschaftliche Evaluation aus methodischen Gründen schwierigzu sein schien. In Anbetracht der derzeitigen intensiven Forschungsaktivitäten sind jedoch inzwischen eine Reihe von Studien sowohl in Deutschland als auch in den USA entstanden,die die Wirksamkeit einzelner naturheilkundlicher Verfahren belegen. Wie wirkt sich nun die zunehmende Forschungspräsenz auf das Inanspruchnahmeverhalten der Patienten aus?

Blicken wir diesbezüglich in die USA, wo vor nunmehr neun Jahren am National Institute of Health (NIH) das National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) gegründet wurde. Die Amerikaner entwickelten einen sehr pragmatischen Ansatz, indem sie das Beste aus beiden medizinischen Welten im Rahmen der Integrative Medicine kombinierten. Bewährt haben sich Naturheilkunde und Integrative Medizin einerseits bei Erkrankungen ohne morphologischen Veränderungen, die bis zu 90% aller Hausarztbesuche ausmachen und bei chronischen Erkrankungen, die eine Langzeitbehandlung erfordern und oftmals durch einen Drehtüreffekt gekennzeichnet sind. Parallel zu der intensiven Forschungsaktivität hat das Inanspruchnahmeverhalten der häufig kostengünstigeren naturheilkundlichen Verfahren, vor allem vor dem Hintergrund der dort üblichen Eigenbeteiligung des Patienten deutlich zugenommen. Abschließend sei beispielhaft die Behandlung der schmerzhaften Kniegelenksarthrose, die aufgrund der demographischen Entwicklungen künftig deutlich zunimmt, erwähnt. Die konservative konventionelle Therapie umfasst im Wesentlichen die medikamentöse Behandlung mit nicht-steroidalen anti-entzündlichen Medikamenten (NSAD).

 

Die Therapie ist wirksam, allerdings teilweise mit auch gravierenden Nebenwirkungen und deren Folgekosten assoziiert. Entsprechend liegt die Bereitschaft der Medikamenteneinnahme nach einem Jahr bei lediglich 30% Prozent. Dennoch sterben in den USA jährlich mehr als 16 000 Menschen an den Nebenwirkungen von NSAD. Die naturheilkundliche Therapie der Kniegelenksarthrose beinhaltet neben der Akupunktur, die seit den von den deutschen Krankenkassen finanzierten Modellvorhaben gut auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen evaluiert ist, die Phythotherapie sowie die Behandlung durch Blutegel, für die mittlerweile ebenfalls mehrere kontrolliert randomisierte Studien vorliegen. Entsprechend kann heute durch eine differenzierte Behandlung der Kniegelenksarthrose sowohl durch konventionelle Verfahren als auch der Naturheilkunde das Nebenwirkungs-potential deutlich reduziert werde. Zusammenfassend lässt sich feststellen: Naturheilverfahren und Verfahren der Komplementärmedizin werden in Zukunft weiterhin an Bedeutung gewinnen. Dies resultiert aus medizinischen Erkenntnissen und finanziellen Notwendigkeiten. Eine alternde Gesellschaft, will sie der Zunahme chronischer Krankheiten wirksam begegnen, wird Naturheilverfahren stärker in die Therapie einbinden müssen. Vor allem dann, wenn deren Wirksamkeit nicht nur auf Erfahrungen beruht, sondern wissenschaftlich nachgewiesen ist.

 

 



Die Ergänzung zur Schulmedizin

 

Hunderttausende schwören heute auf Komplementärmedizin. Und auch viele Ärzte verschließen sich ihr nicht mehr.Sie wissen um die Heilkräfte alternativer Methoden als Ergänzung zur Schulmedizin. „Sie haben noch drei bis vier Jahre zu leben, im besten Fall.“ sagte damals der Urologe im Klartext. Die Diagnose: Prostatakrebs mit Metastasierung in den Knochen. Für Josef B. (63) brach eine Welt zusammen. Das war vor knapp vier Jahren. Seit einem Jahr zeigt die Computertomografie keine Metastasen mehr an. „Der Röntgenologe“, sagt Josef B., „der die Aufnahmen auswertete, war sprachlos.“ Dass er heute vielleicht nicht als Geheilter, aber dennoch als Gesunder durchs Leben geht, verdankt er seiner Hartnäckigkeit. Und einem Cocktail aus verschiedenen medizinischen Methoden. Anstatt sich passiv den Vorschlägen des Arztes zu überlassen und auf eine Chemotherapie zu hoffen, machte sich Josef B. im Internet schlau und wurde in der Homöopathie fündig.Er stieß auf eine Therapie, die schulmedizinische Chemotherapie mit Homöopathie kombiniert. “Ich wurde mein eigener Krankheitsmanager“, erinnert er sich. Mit Erfolg: Das dreiteilige Heilungskonzept hat Josef B. Lebensqualität und einen Rückgang der Metastasen gebracht. „Was letztlich geholfen hat, weiß ich nicht.“ Für Josef B. ist klar, dass man sich nicht auf eine Methode fixieren sollte. Er rät jedem, sich Schulmediziner zu suchen, die bereit sind, zusätzlich komplementäre Methoden einzusetzen. Aber um „Gottes willen“ nie auf Schulmedizin zu verzichten.

Josef B. steht für das, was viele betroffene Patienten wollen: eine Medizin, in der Schul- und Komplementärmedizin Hand in Hand gehen. Sie wollen die Nebenwirkungen herkömmlicher Medikamente nicht länger ertragen. Oder suchen Hilfe bei chronischen Krankheiten, bei denen die Schulmedizin versagt. Fündig werden sie bei therapeutischen und diagnostischen Maßnahmenwie traditioneller chinesischer Medizin (TCM), Homöopathie, Phytotherapie, Anthroposophie oder Neuraltherapie, die allesamt keine Bestandteile der Schulmedizin sind. Mittlerweile ist auch in der Ärzteschaft ein Wandel spürbar. Die früher übliche Bezeichnung Alternativmedizin implizierte, dass deren Therapieformen eine Alternative zur Schulmedizin darstellen. Ihr gegenüber will sich die Komplementärmedizin von heute nicht abgrenzen, sondern sie will sie ergänzen. Die Komplementärmedizin basiert nicht nur auf den Schwächen des Patienten, sondern auch auf dessen Stärken. So wird er in seinem Selbstbewusstsein gestärkt und kann beim Genesungsprozess aktiv mithelfen. Den Patienten in seiner ganzen Komplexität erfassen, ihm zuhören, sich Zeit nehmen. Komplementärmediziner setzen darauf, eine Krankheit als Ausdruck eines integralen Organismus zu betrachten. Für manche Patienten ein neues Gefühl, in der Praxis ernst genommen zu werden.

 

“Mein Hausarzt“, erzählt Gerda W. „hatte wenig Einfühlungsvermögen. Ich hatte stets das Gefühl, er hört mir nicht zu und ist ungeduldig.“ Die Rentnerin hatte seit einer Operation vor 10 Jahren, bei der, Knochensplitter aus dem Becken ins Knie versetzt wurden, Schmerzen im Unterbauch, deren Herkunft bis heute ungeklärt sind. Nach Untersuchungen durch Schulmediziner, sie fanden keine Erklärung, galt sie als hoffnungsloser Fall. Bis ihr ein Komplementärmediziner empfohlen wurde. Nach zweijähriger Behandlung geht es ihr nun gut.

 

Den Anspruch, dem Patienten in seiner Ganzheit und nicht nur seiner Krankheit zu begegnen, haben inzwischen viele Schulmediziner erkannt. Sie bieten zusätzlich komplementärmedizinische Heilmethoden an. “Ohne ein schulmedizinisches Studium“, sagt drs. Erwin Weijnen , „ist Komplementärmedizin nicht möglich.“

 

Der Allgemeinmediziner aus Nürnberg, suchte schon sehr früh nach einer Ergänzung der Methoden in der Schmerztherapie und wendet seitdem Akupunktur und Neuraltherapie an. Manche Schmerzen, etwa bei Migräne, behandelt er nur noch mit Akupunktur. Den Nutzen der fernöstlichen Therapie sieht er pragmatisch: „Als Komplementärmediziner wähle ich das aus, was wirksam ist und nicht schadet".

Hierbei gilt: “ Primum nil nocere“  (lat.: zuerst einmal nicht schaden) Das ist ein Grundsatz, den die hippokratische Tradition ins Zentrum ihres Begriffs des moralisch geforderten ärztlichen Handelns stellt. Diesem antiken Wahlspruch zufolge soll der Arzt in seinem Bemühen, dem ihm anvertrauten Individuum zu helfen, vor allem darauf achten, ihm nicht zu schaden“. Viele Patienten, die bei Komplementär-medizinern landen, haben eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Derart offen ist allerdings nicht jeder Arzt und nicht jede staatliche Instanz, die mit Komplementärmedizin zu tun hat.
 
Das Thema ist heikel, sorgtimmer wieder für Emotionen.  „Ich rannte mit meinem Bandscheiben-vorfall in der Halswirbelsäule jahrelang vom Rheumatologen zum Wirbelsäulen-Spezialisten und zurück“, sagt Maria K. “ An manchen Tagen konnte die heute 67-Jährige vor Verkrampfungen im Rücken kaum aufstehen. Schmerzmittel gehörten zum Alltag. Bis sie von einer Freundin von der Kraniosakral-Therapie hörte. Die selbstbewusste Geschäftsfrau war skeptisch. Von Handauflegerei und alternativen Heilmethoden hielt sie nichts. Doch dann, nach der ersten Sitzung bei der Therapeutin, kam sie aus dem Behandlungsraum und fühlte sich zum ersten Mal seit Jahren „frei und erleichtert“. Ihre Beschwerden schwanden innert zwei Jahren. „Es gibt Tage, an denen ich vergesse, dass ich einen Rücken habe“, sagt sie heute, „das war früher undenkbar.“ Inzwischen geht sie auch einfach zur Entspannung in die Therapie. Wie groß z.B. das Interesse an komplementärmedizinischen Leistungen in der Schweiz ist, beweist die Tatsache, dass über 80 Prozent aller Krankenversicherten separat eine Versicherung für Komplementärmedizin abgeschlossen haben.